VICE Austria: Sex, Hardcore-Christen, FPÖ und Putin: Die unglaubliche Geschichte eines Grazer Aufklärungsvereins

“Was fällt euch zum Thema Liebe, Beziehung und Sexualität ein?”, fragt Corinna Ortner, während sie die Begriffe auf ein großes Blatt Papier schreibt. “Doggy-Style!”, ruft einer, der die Füße über die Armlehne baumeln lässt. “Blowjob”, sagt der nächste.

Es fallen im Sekundentakt Begriffe aus Popkultur und Pornoindustrie. “69”, “Brazzers”, “Kamasutra” “Xnxx”, “Squirting”. Corinna Ortner und ihr Kollege Lukas Wagner kommen mit dem Schreiben nicht nach. “Wie schreibt ihr ‘Wixen’ – mit ‘x’ oder ‘chs’?”, fragt Ortner nur. Selbst bei “Tittenfick” verziehen die Sexualpädagogen keine Miene.

“Das Wort ‘Tittenfick’ würde ich persönlich nicht verwenden”, sagt Wagner in einer Pause. “Aber uns ist wichtig, eine unaufgeregte Atmosphäre zu schaffen. Deshalb schreiben wir auch wirklich jedes Wort auf.” In diesem Workshop gibt es kein Richtig oder Falsch – solange das Gesagte gesetzlich erlaubt ist und im freiwilligen Konsens der Beteiligten passiert. Die Pädagogen agieren mehr als Moderatoren denn als Lehrer. “Masturbation ist in Ordnung”, sagt Ortner nur einmal, als einer andeutet, dass man von zu häufiger Masturbation sein Sperma verlieren könne. “Es ist aber auch OK, sich selbst nicht befriedigen zu wollen.”

Es herrscht eine losgelöste Atmosphäre in der Wohnküche von Liebenslust im Grazer Bezirk Gries. Vergangenes Jahr erreichte der zehnköpfige Verein mit seinen Workshops 54 Schulklassen und 11 außerschulische Jugendgruppen in der Steiermark. 2017 soll der Verein auf die doppelte Anzahl kommen, die Warteliste ist lang. Rund 10 Jugendliche des Sozialprojekts Heidenspass sind es dieses Mal, die es sich auf der Sitzbank und den verschiedenen Stühlen gemütlich machen.

Es gibt Wasser, Kaffee und Apfelkuchen zur freien Entnahme. Als ich einen Witz über den warmen Apfelkuchen in American Pie (1999) mache, versteht ihn von den Jugendlichen, die alle über 18 Jahre alt sind, niemand. Ich lerne, dass “altersgerechter Sexualunterricht” weniger mit dem Alter, sondern mehr mit der persönlichen Lebensrealität der Gruppe zu tun hat. Und ich lerne, dass sehr viel in Wirklichkeit anders ist als es von österreichischen Tageszeitungen dargestellt wurde (dazu später mehr).

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